Pfizer soll Regierungen in Lateinamerika unter Druck setzen - Amerika -  derStandard.de › International27.02.2021  -  Biontech und sein US-Partner Pfizer gehörten zu den ersten Unternehmen, die einen Impfstoff gegen das Coronavirus auf den Markt brachten.Die Wirksamkeit des Vakzins ist unbestritten, weshalb sich viele Länder schon früh den Impfstoff sichern wollen.Internationale Recherchen zeigen nun, wie rüde der Pharmakonzern Pfizer offenbar mit einigen lateinamerikanischen Regierungen verhandelt hat.
Argentinien und Brasilien sagten Nein zum Impfstoff von Biontech und seinem US-Partner Pfizer. Nicht, weil die Regierungen der beiden südamerikanischen Länder an der Wirksamkeit des Vakzin zweifelten. Sondern, weil Pfizer in den Verhandlungen über die Lieferung des Corona-Impfstoff zu weit gegangen sein soll.
Der Vorwurf etlicher Länder Lateinamerikas: Der US-Pharmariese soll extremen Druck auf die Regierungen ausgeübt haben. So habe er diese unter anderem aufgefordert, staatliche Vermögenswerte – darunter Reserven der Nationalbank, Botschaftsgebäude und Militärbasen – zur Deckung etwaiger künftiger Rechtsstreitigkeiten zu hinterlegen. Das hat das in London beheimate Bureau of Investigative Journalism (TBIJ) für Argentinien, Brasilien und eines weiteren, nicht genannten Staates aufgedeckt. Zuvor hatte bereits die ARD über die Praktiken Pfizers im Fall von Peru berichtet.
Für ihre umfangreiche Recherche sprachen die Journalisten mit mehreren Regierungsvertretern und sichteten Unterlagen. Einer der befragten Beamten, der bei den Verhandlungen seines Landes mit Pfizer dabei war und aufgrund einer Verschwiegenheitsklausel nicht offen sprechen durfte, bezeichnete das Vorgehen des Pharmaunternehmens als "Mobbing auf hohem Niveau". Die Regierung habe sich beim Zugang zu den lebensrettenden Impfstoffen "erpresst gefühlt".
Wegen der harschen Verhandlungen sprangen einige Länder ab und wendeten sich alternativen Herstellern zu. In anderen Ländern wiederum verzögerte sich der Impfstart – was möglicherweise weitere Corona-Tote zur Folge hatte.

Empörung in mehrere lateinamerikanischen Staaten über Pfizers Gebaren
Pfizer selbst hatte im Januar enthüllt, dass es Brasilien im August rund 70 Millionen Dosen angeboten hatte. Die Verhandlungen seien aber am Beharren der Behörden gescheitert, die Hersteller im Falle unvorhergesehener Nebenwirkungen haftbar zu machen. Laut eines brasilianischen Abgeordneten hatten neben Brasilien nur noch Venezuela und Argentinien auf diese Haftungsklausel bestanden.
Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro hatte sich im Dezember sogar öffentlich über die Forderungen von Biontech und Pfizer lustig gemacht. Sollten sich Impfkandidaten nach der Spritze in "einen Kaiman" verwandeln, sei das ihr eigenes Problem, sagte der bekennende Impfskeptiker, der die Pandemie nach wie vor kleinredet.
Streitpunkt in den Verhandlungen soll die Frage nach Schadensersatzzahlungen und Sicherheiten für etwaige künftige Prozesskosten gewesen sein. Dafür wollte Pfizer in mehreren lateinamerikanischen Ländern staatliche Vermögenswerte als Rücklage, berichtet TBIJ unter Berufung auf zahlreiche Regierungsbeamte.
"Pfizer hat sich gegenüber Argentinien falsch verhalten", sagte Ginés González Garcia dem TBIJ. "Dessen Intoleranz uns gegenüber war ungeheuerlich", ergänzte der 75-Jährige, der von Dezember 2019 bis Februar 2021 Argentiniens Gesundheitsminister war.
Das Unternehmen wisse genau, welches Land welche Möglichkeiten hat, erklärt der ehemalige peruanische Gesundheitsminister Víctor Zamora dem ARD-"Weltspiegel". "Soweit ich weiß, wollte sich Pfizer Staatseigentum aneignen, wenn Peru nicht zahlen kann. Unpfändbares. Ich kann nicht bestätigen, was konkret gemeint war. Aber in Peru wurde als Beispiel Eigentum im Ausland genannt", sagte Zamora.
Ganz ähnliche Forderungen habe der Impfstoff-Hersteller auch an Brasiliens Gesundheitsministerium gestellt. Pfizer verlangte dem TBIJ-Bericht zufolge auch von der dortigen Regierung, staatliche Vermögenswerte als Sicherheit zu hinterlegen sowie einen Garantiefonds auf einem ausländischen Bankkonto einzurichten. Brasilien lehnte im Januar diese Bedingungen ab und bezeichnete die Klauseln als "missbräuchlich".

Die Impfstoff-Hersteller sitzen am längeren Hebel
Ein Beamter aus einem weiteren lateinamerikanischen Land beschrieb TBIJ, wie harsch die Gespräche mit Pfizer abgelaufen sein sollen. Demnach hat die Regierung des nicht genannten Staates bereits im vergangenen Juli begonnen mit Pfizer zu verhandeln – Monate, bevor der Impfstoff zugelassen wurde.
Dem Beamten zufolge sollen Pfizer-Manager die Regierung gedrängt haben, mehr Dosen zu kaufen. Eine weibliche Verhandlungsführerin soll gesagt haben: "Kaufen Sie mehr, Sie werden Menschen töten, Menschen werden wegen Ihnen sterben."
Fakt ist: Pfizer und andere Impfstoff-Hersteller sitzen am längeren Hebel. Laut Pedro Villarreal vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht könnten die Pharmaunternehmen immer davon ausgehen, dass sie einen Vertragspartner finden.
Wenn eine Regierung die Bedingungen nicht akzeptiert, würden sie einen anderen Staat finden. "So können sie sich diese harte Art von Verhandlungen leisten", sagte Villarreal